Von U. Fabich, Stand 15.Oktober
2001, für Kontakte: ulrich@fabich-online.de
Quellen: „EINTOPF“ Ausgabe Nr.10, Artikel „Das große
Zylindersterben“ verfasst von Mike Lang
„EINTOPF“
Ausgabe Nr. 8, Artikel „Tuning III,
Kopf und Zylinder“ Verfasser nicht genannt
Achtung:
Für unmittelbare und mittelbare Schäden, die aus Nachahmung der beschriebenen
Arbeit entstehen und für die Wirksamkeit des Umbaus wird keinerlei Haftung bzw.
Garantie übernommen. Der Verfasser, 15.10.01
Im Rahmen einer
bevorstehenden Motorüberholung habe ich mir einen gebrauchten Zylinder besorgt,
der offensichtlich aus einer 2J4 stammt und mit dem Originalkolben die
Verschleißgrenze erreicht hat, d.h. die Überarbeitung des Zylinders für einen
Übermaßkolben ist fällig. Das Teil hat mich bei einem hannoverschen
Gebrauchtteilehändler 100,-DM gekostet, wie ich meine, ein fairer Preis.
Mein alter Motor läuft zwar noch, aber wenn er verreckt,
möchte ich gern einen einbaufertigen Zylinder mit Kolben und evtl. sogar einen
überholten Zylinderkopf im „Regal“ haben, um die Reparaturzeit so kurz wie
möglich zu halten. Wenn alles glatt läuft, wäre also der Motor innerhalb eines
Tages wieder fit. Aber das nur am Rande.
Da ich nun genug Zeit hatte, um meinen Ersatzzylinder in
aller Ruhe vorzubereiten, kam ich auf die Idee, diesen vorsorglich mit einer
zusätzlichen Zylinderverstärkung zu versehen. Grund dafür sind diverse Berichte
von abgerissenen Zylindern (siehe Foto) bei leistungsgesteigerten Motoren aber
auch schon bei Serienmotoren. Leistungstuning ist zwar nicht mein Ziel, aber
eine Optimierung von Teilen ist ja durchaus sinnvoll.

Teurer Schrott
Bei genauer Betrachtung sieht man die Laufbuchse durch die Zylinderwandung
schimmern
Die Ursache dieser kapitalen Motorschäden liegt in einer
relativ dünnwandigen Zylinderwand. Die gleichen Kräfte, die als Druckkraft auf
den Kolben wirken, treten zwangsläufig als Zugkraft im Zylindergehäuse auf. Da
schon bei Serienmotoren offensichtlich kaum Reserven vorhanden sind, verschärft
sich das Problem natürlich bei getunten Aggregaten, so, dass dort zahlreiche
Zylinder abgerissen sind, bevor wirkungsvolle Maßnahmen dagegen entwickelt
wurden.
Es gibt nun verschiedene Möglichkeiten der
Zylinderverstärkung, die u.a. in einer der älteren Ausgaben des „EINTOPF“ beschrieben worden sind. Auch der oben gezeigte 650ccm-Umbau verfügte
übrigens über eine Zylinderverstärkung, woraus deutlich wird, das auf diesem
Gebiet leider nicht alle Konzepte zuverlässig funktionieren.
In der (leider) letzten Ausgabe Nr.10 berichtete dann Mike
Lang, der umfangreiche Tuning- und Rennerfahrung mit XT/SR Motoren hat,
ausführlich und anschaulich von seiner favorisierten Methode. Nach Rücksprache
mit anderen SR/XT-Spezis, entschied ich mich dann auch für dieses System, bei
dem vereinfacht ausgedrückt, verlängerte Stehbolzen als Zuganker wirken.
Ich
will nun kurz erläutern, was im „EINTOPF“ dazu steht:
Da
der SR-Zylinder keine vom Zylinderkopf bis in das Motorgehäuse durchgehenden
Stehbolzen hat, wirken alle auftretenden Zugkräfte auf das Aluminium der
Zylinderwand. Die eingepresste, an sich stabile Laufbuchse, kann dabei
keinerlei Kräfte aufnehmen. Die Laufbuchse reißt auch bei diesen Schäden nicht
mit, sondern bleibt im oberen Teil des gerissenen Gehäuses an Ihrem Platz,
während sie sich im unteren Teil aus der Aluminiumumhüllung herauszieht.

![]()
Hier erkennt man, dass die
oberen Stehbolzen für die Zylinderkopfaufnahme nur ca. 30mm in den Zylinder
hineinreichen und in einem Sackloch enden.
Wenn
der Zylinder quer durchreißt, dann unterhalb, dort wo nur die Aluminiumwandung
die Zugkräfte aufnehmen kann.
Die
gestrichelte Linie deutet die angestrebte Verlängerung der Stehbolzen in den
Zylinderfuß als offensichtlich einfachste Lösung an
Das
Prinzip des Zugankers ist, einen Teil der axialen Zugkräfte aufzufangen. Dazu
muss eine starre Verbindung vom Zylinderfuß zum Zylinderkopf entstehen. Es
bietet sich dabei auf den ersten Blick an, die im oberen Bereich austretenden
Stehbolzen, die den Kopf aufnehmen, einfach nach unten in den Zylinderfuß zu
verlängern, z.B. mit einer Gewindestange, die in den Fuß eingeschraubt wird.
Das klingt zunächst sehr einfach, aber ein von Mike Lang beschriebenes Problem
ist hierbei die unterschiedliche Wärmeausdehnung der verbauten Materialien. Das
Aluminium des Zylinders „wächst“ bei Wärmezufuhr etwa doppelt so stark, wie die
Stehbolzen aus Stahl. Dabei entstehen wiederum Kräfte, die eine
Gewindeverbindung der beiden Materialien überlasten, in dem das weichere
Aluminium nachgibt. Ein solcher Zuganker aus Stahl wäre schon nach kurzer Zeit
wirkungslos, da im Aluminiumgewinde ausgerissen.
Vielfach
bewährt hat sich dagegen das Einsetzen von Edelstahlschrauben M6, die vom
Zylinderfuß nach oben in die Originalstehbolzen der Kopfbefestigung geschraubt
sind. Die Gründe, die für diese Methode
sprechen:
1.
Die
Wärmeausdehnung von Edelstahl liegt etwa zwischen der von Aluminium und
normalem Stahl. Die durch die Differenz auftretenden Kräfte sind entsprechend
geringer als bei Verwendung durchgehende Stahlbolzen.
2.
Es
wird kein empfindliches Gewinde im Aluminium benötigt, Kräfte im Zylinderfuß
werden durch Flächenpressung auf das Vollmaterial übertragen, die
Gewindeverbindung zwischen Stahl und Edelstahl im Stehbolzen ist dagegen
ausreichend fest
3.
Durch
ein gering gewähltes Anzugsmoment der Anker (geringe Vorspannung), kann
vermieden werden, dass die zusätzlichen Kräfte durch unterschiedliche
Wärmeausdehnung die Verbindung überlasten
4.
Die
Methode ist von einem versierten Hobby-Schrauber problemlos zu realisieren
5.
Alle
Originalverbindungen bleiben erhalten, die Zuganker können problemlos wieder
entfernt werden
Wo
Licht ist, ist auch Schatten: Die unter Pkt.3 erwähnte geringe Vorspannung
führt dazu, dass die Verstärkung erst mit steigender Betriebtemperatur und
Materialausdehnung voll wirksam wird. Aber wir fahren unsere Motoren ja alle
schonend warm, oder?
Die
beschriebene Methode kann mit allen 5 Stehbolzen praktiziert werden. Es soll
aber für nur leicht leistungsgesteigerte und Serienmotoren auch schon reichen,
nur den kurzen Bolzen auf der Kerzenseite derart zu präparieren. Ich habe die
goldene Mitte gewählt und nehme drei Zuganker für die drei Stehbolzen, die
verlängert im massiven Fußteil enden. Die beiden anderen würden lediglich im
Bereich der unteren Kühlrippe austreten, wo die Materialstärke erheblich
geringer ist.
![]()

![]()

Hier, im massiven Zylinderfuß (markiert) münden später die Bohrungen für die
drei Zuganker
Soviel
zur Theorie, jetzt zur Praxis:
Benötigtes
Material
- Zylinder
-
6mm
HSS-Bohrer (lange Ausführung nach DIN340, sonst kommt man nicht durch!)
-
Flachsenker
für Durchgangslöcher DIN373, 11x6,4 (oder 11x6,6)
-
3
Unterlegscheiben M6
-
3
Innensechskantschrauben M6x80 aus Edelstahl
An Werkzeugen wird eigentlich nur eine Ständerbohrmaschine benötigt,
das Bohren der Innengewinde in die Originalstehbolzen sollte man besser einer
Dreherei überlassen, wenn man keine eigenen Möglichkeiten hat.
Arbeitsschritte:
1.
Stehbolzen aus dem Zylinder herausschrauben. Da diese mit
Sicherungsmittel eingesetzt sind, sitzen sie recht fest. Mit einer Rohrzange
drückt man schöne tiefe Kerben in den Stehbolzen, also lieber mit Kontermuttern
M10x1,25 (Feingewinde!) arbeiten und evtl. sogar den Zylinder in einem
geeigneten Ofen (bitte nach vorheriger Absprache mit der Hausfrau) auf 100 –150
°C erwärmen, um das Sicherungsmittel aufzuweichen.
2.
Zylinder fest einspannen bzw. mit Schraubzwinge auf dem
Bohrtisch fixieren. Sauber zentrieren, damit der 6mm-Bohrer nicht das
vorhandene Innengewinde der Sacklöcher beschädigt. Dann nach unten durchbohren.
Wer auf Nummer sicher gehen will, kann sich vorher eine Zentrierbuchse basteln,
um 100% in der Mitte des Sackloches zu bohren. Das ist aber nach meiner
Erfahrung nicht zwingend nötig, da sich der Bohrer im Sacklochboden normalerweise
gut selber zentriert.
3.
Zylinder umdrehen und mit Zapfensenker entsprechend der
Schraubenkopfhöhe + Scheibendicke einsenken.


Eingesenkte Bohrung für Zuganker

Da der Schraubenkopf nur knapp 10mm Durchmesser hat, sollte dieser mit einer
Unterlegscheibe montiert werden, die den Druck auf das weiche Aluminium über
eine möglichst große Fläche überträgt. Das Ausnutzen des Senkungs-durchmessers
von 11mm bringt immerhin schon ca. 16mm² und damit etwa 35% mehr Fläche. In
diesem Fall wurde eine Scheibe mit ursprünglich 12 mm Außendurch-messer
angepasst und eingepresst

Der Schraubenkopf darf mit untergelegter Scheibe nicht mehr
überstehen. Die Senkung sollte aber auch nicht unnötig tief sein, um möglichst
viel Material im Fuß zu behalten.
Nun wartet man auf die Stehbolzen, in die ein
M6-Innengewinde eingearbeitet wurde. Es sollte mindestens über 5-6 mm, also Mutternhöhe
gangbar sein. 10mm wären ideal, da man dann beim Ablängen der Schrauben etwas
mehr Toleranz hat und das Gewinde ordentlich trägt. Die Länge der Schrauben
liegt bei 70-75 mm, bzw. 60-65, je nach dem, wie tief das Innengewinde
ausfällt.

Die drei (unterschiedlich langen!)
Stehbolzen erhalten auf der Seite mit dem langen Außengewinde ein M6 Innengewinde


Links die kurze der drei abgelängen Edelstahlschrauben
Ganz rechts eine in den Stehbolzen gedrehte Schraube
In der Mitte das Ergebnis eines unfreiwilligen
Materialtests: Der schusselige Bastler wollte nach einer Testmontage die
Stehbolzen wieder aus dem Zylinder entfernen. Das ging in diesem einen Fall
unerwartet schwer, aber mit Gewalt geht natürlich alles! Der Dummkopf hatte
vergessen den Zuganker vorher zu entfernen und diesen dann glatt abgerissen.
Einzig positiver Nebeneffekt dabei war, dass nun feststand, dass die Gewindeverbindung
absolut hält.
Die Stehbolzen werden dann wieder mit einem geeigneten
Sicherungsmittel fest eingeschraubt. Die abgelängten M6-Schrauben werden nun
von unten, ebenfalls mit Sicherungsmittel in die Stehbolzen geschraubt und
leicht mit 5-10 Nm angezogen. Die Vorspannung soll, wie erwähnt nicht zu hoch
ausfallen, sie steigt dann im Betrieb mit der Wärmeausdehnung!
Der fertige Zylinder hat dann drei kräftige aber dezente und
kaum sichtbare Zuganker, die nach den bisherigen Erfahrungen eine gute
Versicherung gegen den gefürchteten Zylinderabriss sind.

Viel Spaß beim Umbau!